Ende Januar 2026 übernahm ein von Günther Steiner geführtes Konsortium das Team Tech3. Der berichtete Kaufpreis lag bei rund 20 Millionen Euro – ein Wert, der jedoch als Ergebnis einer spezifischen Transaktion für ein Satelliten-Team zu lesen ist, nicht als Marktdurchschnitt für die MotoGP insgesamt.
Stellt man diesen Wert dem nächsten verfügbaren Vergleichsmaßstab gegenüber, wird der Abstand schlagartig deutlich. Der durchschnittliche Teamwert in der Formel 1 wurde im November 2025 auf 3,42 Milliarden US-Dollar geschätzt, bei einem F1-Gesamtumsatz von 3,873 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025. Im selben Zeitraum erwirtschaftete die MotoGP einen Jahresumsatz von 573 Millionen US-Dollar.
Das Umsatzverhältnis zwischen F1 und MotoGP liegt damit bei rund 6,8x, also grob gesagt 7:1. Das Verhältnis der durchschnittlichen Teamwerte ist deutlich größer – ein Missverhältnis, das der Markt bislang nicht korrigiert hat. Anders gesagt: Die Preise spiegeln noch eine Ära wider, die dem tatsächlichen Potenzial dieses Assets längst nicht mehr entspricht.
Drei Zahlen, die zählen
20 Millionen Euro. Das ist der berichtete Preis für Tech3 – nicht der Durchschnittspreis eines MotoGP-Teams. Es handelt sich um die Untergrenze des Marktes in einer konkreten Einzeltransaktion, nicht um den Mittelpunkt der Bewertungsverteilung.
37 zu 1. So groß ist die Größenordnung des Verhältnisses zwischen dem durchschnittlichen Wert eines F1-Teams und dem eines MotoGP-Teams heute – gemessen am F1-Durchschnitt von 3,42 Milliarden US-Dollar gegenüber den deutlich niedrigeren MotoGP-Bewertungen. Das Umsatzverhältnis hingegen liegt bei lediglich 7:1.
4,2 Milliarden Euro. Das ist der Enterprise Value der Dorna-Übernahme durch Liberty Media, die 2025 mit einem Anteil von 84 Prozent abgeschlossen wurde. Es ist das deutlichste Signal dafür, dass Liberty die MotoGP als Asset begreift, das kommerziell neu positioniert werden soll.
Das F1-Playbook
Als Liberty 2017 in die F1 einstieg, war ein Mittelfeld-Team rund 160 bis 200 Millionen Euro wert; heute liegt der Wert desselben Teamtyps bei 1,5 bis 2 Milliarden Euro. Das entspricht einem durchschnittlichen Wachstum von 15 bis 20x in acht Jahren – getrieben allerdings nicht in erster Linie durch sportliche Leistung.
Die drei entscheidenden Hebel waren: das Wachstum des US-amerikanischen Publikums, der mediale Durchbruch von Drive to Survive ab 2019 und der Cost Cap, der 2021 eingeführt wurde und viele Teams von reinen Kostenzentren in tragfähigere Geschäftsmodelle verwandelt hat. Hinzu kamen der gestärkte Wert der Medienrechte und eine wachsende Sponsorennachfrage, vor allem aus den Vereinigten Staaten.
Liberty hat unmissverständlich signalisiert, Teile dieses Playbooks auf die MotoGP übertragen zu wollen. Die Frage ist daher nicht ob sich der Markt bewegen wird, sondern wie schnell.
Die Katalysatoren der MotoGP
In den nächsten 18 bis 24 Monaten gibt es eine Reihe von Ereignissen, die Bewertungen spürbar verschieben könnten.
Concorde Agreement MotoGP. Das Fünfjahresabkommen zur Umsatzverteilung ist der erste echte Weichensteller. Nähert sich die Ausschüttungsformel an ein reiferes, besser planbares Modell an, dürften die Bewertungsmultiplikatoren steigen.
MotoGP-Dokumentarserie. Liberty hat die Produktion einer eigenen MotoGP-Serie bestätigt; das Ziel ist es, zumindest in Teilen das Markenexpansionsmodell aus der F1 zu replizieren. Der Effekt dürfte in der MotoGP begrenzter ausfallen, weil die Ausgangsbasis kleiner ist – aber die Richtung ist dieselbe.
Expansion in den USA. Derzeit absolviert die MotoGP nur ein einziges US-Rennen in Austin. Ein zweites Grand Prix, sollte er Realität werden, könnte die kommerzielle Strahlkraft und den Sponsorenwert erheblich steigern – bleibt zum jetzigen Zeitpunkt aber ein Szenario, kein gesichertes Faktum.
Cost Cap MotoGP. Auch hier befindet man sich noch in der Diskussionsphase, nicht in der abschließenden Umsetzung. Sollte eine Kostenobergrenze eingeführt werden, könnten vor allem Satelliten-Teams überproportional profitieren – auf Kosten jener Teams, die heute stark von ihren Herstellern abhängig sind.
Situation KTM. Das greifbarste Risiko bleibt die Stabilität des Herstellers. KTM hat 2025 eine Insolvenz- und Restrukturierungsphase mit einem von den Gläubigern genehmigten Plan hinter sich gebracht; es ist daher richtig, KTM weiterhin als Risikofaktor zu behandeln – nicht als abgeschlossenes Kapitel.
Szenarien 2031
Die folgenden Zahlen sind analytische Szenarien, keine beobachteten Marktwerte.
| Szenario |
Multiplikator EV/Umsatz |
Durchschn. Teamwert 2031 |
Multiplikator vs. Tech3 heute |
| Bear |
1,5–2,0x |
€35–55 Mio. |
1,8–2,8x |
| Base |
2,5–3,0x |
€90–135 Mio. |
4,5–6,8x |
| Bull |
3,5–4,0x |
€170–220 Mio. |
8,5–11x |
Im Base Case könnte der durchschnittliche Teamwert auf einem Zeithorizont von zehn Jahren auf 130 bis 180 Millionen Euro steigen; im Bull Case, der einen Multiplikator näher an dem heute in der F1 beobachteten Niveau voraussetzt, wäre ein Bereich von 280 bis 350 Millionen Euro denkbar. Es handelt sich um Szenarioschätzungen – nützlich, um das Neubewertungspotenzial einzuordnen, nicht um bereits etablierte Marktwerte.
Die häufigsten Denkfehler
Der verbreitetste Fehler ist, Tech3 zu 20 Millionen Euro als „den Preis eines MotoGP-Teams” zu interpretieren. Das ist er nicht: Es ist der Preis einer spezifischen Transaktion für ein Satelliten-Team unter besonderen Bedingungen.
Der zweite Fehler ist die Verwendung von NFL- oder NBA-Multiplikatoren als realistischen Maßstab für die MotoGP. Dieser Vergleich führt in die Irre, weil jene Märkte völlig andere Dynamiken bei Cap-Strukturen, TV-Verträgen und kommerzieller Reife aufweisen. Der sinnvollste Vergleichsmaßstab bleibt heute die F1.
Der dritte Fehler ist, künftige Katalysatoren als bereits gesicherte Fakten zu behandeln. Das zweite US-Rennen, der MotoGP-Cost-Cap, die volle Wirkung der Dokumentarserie und das neue Verteilungsabkommen – all das sind Faktoren, die den Markt treiben können, sind aber als Hypothesen und mögliche Entwicklungspfade zu betrachten, nicht als feststehende Ergebnisse.
Den richtigen Moment einordnen
Für Teams, die neue kommerzielle Partner suchen, lautet die richtige Botschaft nicht „Wir sind günstiger”, sondern: „Hier bietet sich ein Zeitfenster, in dem eine Neubewertung noch möglich ist.” Die MotoGP-Preise liegen heute näher an der F1 vor einigen Jahren als an der F1 von heute – und genau diese Asymmetrie ist der eigentliche Interessenspunkt.
Für Sponsoren können die Kosten des Abwartens messbar sein. Gelingt es dem Championat, seine kommerzielle Struktur zu verbessern, könnte ein heute zu einem bestimmten Preis erworbenes Sponsorship-Paket in 18 bis 24 Monaten teurer werden. Das ist die klassische Logik von Asset-Klassen in der Repricing-Phase.
Für institutionelle Investoren und Family Offices ist der Gedankengang noch eindeutiger: Die MotoGP ist kein Asset, das man in zwölf Monaten liquidiert, sondern eine These, die über einen Horizont von drei bis fünf Jahren aufgebaut werden muss. Wer kürzer denkt, sieht sein Risiko-Rendite-Profil schnell erodieren.
Die entscheidende Frage
Die richtige Frage für alle Beteiligten ist denkbar einfach: Kann ich mir einen Horizont von drei bis fünf Jahren leisten?
Lautet die Antwort Ja, bietet die MotoGP heute ein interessantes Fenster mit realem Neubewertungspotenzial. Lautet die Antwort Nein, ist der Zeitpunkt für einen Einstieg noch nicht reif.
Ein MotoGP-Team heute zu kaufen oder als Title Sponsor einzusteigen ähnelt dem Erwerb einer Immobilie in einem Viertel, in dem der Bebauungsplan bereits genehmigt ist, die neue U-Bahn-Linie aber noch nicht fährt. Der Preis spiegelt das Viertel von gestern wider; die Wertsteigerung beginnt in dem Moment, in dem der Markt erkennt, dass das Viertel von morgen bereits gebaut wird.
Zahlen lügen nicht. Nie.